Spinnfischen oder Fliegenfischen – beides hat in der Schweiz seine Berechtigung. Aber welche Methode passt wirklich zu dir, zu deinem Zeitbudget und vor allem zu deinen Lieblingsgewässern? Genau darum geht es in diesem Artikel.
Spinnfischen und Fliegenfischen: zwei Methoden, ein Ziel
Auf den ersten Blick sehen Spinnfischen und Fliegenfischen komplett unterschiedlich aus. In der Praxis jagen wir aber mit beiden Methoden dieselben Fische:
- Forellen in Bergbächen und -seen
- Äschen in klaren Flüssen
- Hechte, Zander, Egli in Seen und Stauseen
Der grösste Unterschied liegt darin, wie der Köder präsentiert wird:
- Spinnfischen: Das Gewicht des Köders (Spinner, Wobbler, Gummifisch) bringt die Schnur auf Distanz. Du wirfst, lässt absinken, führst aktiv – oft relativ schnell und dynamisch.
- Fliegenfischen: Die Fliegenschnur ist das „Gewicht“. Du wirfst mit der Schnur, nicht mit dem Köder. Die Fliege ist ultraleicht, die Präsentation fein und kontrolliert.
Spinnfischen ist in der Regel direkter und schneller zu lernen. Fliegenfischen ist technischer, dafür in klaren, sensiblen Gewässern oft im Vorteil. Die Frage ist also weniger „Welche Methode ist besser?“, sondern: Welche passt besser zu dir und zu deinen Gewässern?
Welche Methode passt zu deiner Persönlichkeit?
Bevor wir über Gewässer sprechen, ein paar ehrliche Fragen an dich:
- Bist du eher ungeduldig und möchtest möglichst rasch Fische fangen?
Dann wirst du dich mit dem Spinnfischen sehr wahrscheinlich schneller wohlfühlen. - Magst du technische Herausforderungen und bist bereit, länger zu üben?
Dann kann das Fliegenfischen genau dein Ding sein. - Bist du viel zu Fuss unterwegs und liebst das „Abklopfen“ von Strecke?
Mit der Spinnrute deckst du Wasser sehr effizient ab – ideal, wenn du aktiv suchst statt wartest. - Legst du Wert auf leise, subtile Präsentation und Beobachtung der Natur?
Fliegenfischen zwingt dich, Wasser, Insektenaktivität und Fischverhalten genauer zu lesen.
Aus meiner Erfahrung mit Anfängern und Umsteigern in der Schweiz:
- Viele Einsteiger starten mit Spinnfischen, weil es schneller Erfolgserlebnisse bringt.
- Wer „angefixt“ ist und mehr Tiefe sucht, landet früher oder später beim Fliegenfischen – vor allem an Bächen und glasklaren Flüssen.
Spinnfischen in der Schweiz: wo es richtig Sinn macht
Spinnfischen ist unglaublich vielseitig und deckt in der Schweiz sehr viele Situationen optimal ab. Ideal ist es überall dort, wo du:
- grosse Flächen absuchen musst
- tiefere Bereiche erreichen willst
- Raubfische targetierst, die auf Bewegungsreize reagieren
Typische Schweizer Spots, wo Spinnfischen glänzt:
- Grosse Mittellandseen (z.B. Vierwaldstättersee, Bielersee, Zürichsee)
Perfekt für:- Egli mit Jigköpfen und Gummifischen
- Hecht mit Wobblern, Jerkbaits oder Swimbaits
- Zander in der Dämmerung mit Gummifischen am Grund
Die Distanzen sind gross, die Fische stehen oft tiefer – mit der Spinnrute kommst du einfach effizienter an sie ran.
- Stauseen und Bergseen
Forellen, Saiblinge und teilweise Namaycush reagieren gut auf:- kleine Wobbler
- Spinner
- Spoons
Du kannst Uferkanten, Einläufe und tieferes Wasser systematisch abfischen, ohne dich mit komplizierter Wurftechnik zu plagen.
- Breitere Flüsse und Kanäle
In der Aare, im Rhein oder in der Reuss ist die Strömung oft stark, das Wasser tiefer:- schwere Jigköpfe halten den Kontakt zum Grund
- Wobbler lassen sich kontrolliert gegen die Strömung führen
Mit der Fliege bist du hier schnell am Limit, zumindest ohne Spezialtechnik und viel Erfahrung.
Wann ich persönlich fast immer zur Spinnrute greife:
- heftiger Wind und Welle am See
- trübes Wasser nach Regen – grelle Gummifische oder lautere Wobbler bringen dann Bisse
- wenn ich flexibel auf Hecht, Egli und „Beifang“ wie Seeforellen hoffen will
Fliegenfischen in der Schweiz: wenn Feinheit der Schlüssel ist
Die Schweiz ist ein Paradies für Fliegenfischer – vor allem, wenn du klare, strukturreiche Gewässer magst.
Hier spielt das Fliegenfischen seine Stärken aus:
- Kleine bis mittlere Bergbäche
Wildbäche im Berner Oberland, in Graubünden oder im Wallis sind ideal:- Forellen reagieren stark auf natürliche Insekten
- die Wassertiefe ist überschaubar
- präzise, kurze Würfe reichen völlig aus
Mit der Spinnrute bist du hier oft zu grob unterwegs, und du verangelst leicht mehr Fische, als dir lieb ist.
- Klar strukturierte Forellen- und Äschenflüsse
Reuss, Linth, Doubs, Areuse & Co. bieten:- sichtbare Standplätze
- regelmässige Insekten-Schlüpfe
- Phasen, in denen Fische fast ausschliesslich auf natürliche Nahrung reagieren
Trockenfliegen und Nymphen sind dann oft unschlagbar, während der Spinner ignoriert wird.
- Ufernahes Fischen an Alpseen
In den Morgen- und Abendstunden ziehen Forellen flach und in Ufernähe:- mit der Trockenfliege oder feinen Nymphen kannst du sehr gezielt fischen
- die Bisse sind oft spektakulär sichtbar
Hier verlierst du mit der Spinnrute schnell den Reiz der feinen Beobachtung.
Typische Situationen, in denen ich klar zur Fliegenrute tendiere:
- glasklares, niedriges Wasser im Hochsommer, misstrauische Forellen
- sichtbares Rising – wenn Fische an der Oberfläche Insekten sammeln
- seichte Zonen mit viel Kraut, in denen Spinner und Wobbler dauernd hängen bleiben würden
Ausrüstung im Vergleich: Kosten, Gewicht, Flexibilität
Beide Methoden können teuer oder relativ budgetfreundlich sein – je nachdem, wie tief du einsteigen willst. Ein grober Vergleich für solide Einsteigersets in der Schweiz:
- Spinnfischen
- Rute: 80–180 CHF
- Rolle: 60–150 CHF
- Schnur: 30–60 CHF
- Köder-Grundsortiment: 50–150 CHF
Mit rund 250–400 CHF bist du schon gut dabei und kannst die meisten Situationen am See und Fluss abdecken.
- Fliegenfischen
- Rute: 120–250 CHF
- Rolle: 80–200 CHF
- Schnur (WF, DT etc.): 60–120 CHF
- Backing, Vorfächer, Fliegen: 80–150 CHF
Realistisch musst du für ein vernünftiges Setup eher 350–600 CHF einplanen.
Mobilität und Praxis:
- Spinnruten (2,10–2,70 m) sind robust, verzeihen viel und vertragen auch mal groben Transport.
- Fliegenruten sind leichter, aber sensibler. Vier- oder fünfteilig lassen sie sich zwar gut im Rucksack verstauen, brauchen aber etwas mehr Sorgfalt.
Flexibilität:
- Mit einer guten Spinnrute in der 10–30 g-Klasse deckst du von Egli bis mittlerem Hecht schon sehr viel ab.
- Beim Fliegenfischen teilt sich das eher auf:
- Klasse 3–4: Bäche, kleine Flüsse, Trockenfliege
- Klasse 5–6: grössere Flüsse, leichte Streamer
- Klasse 7+: schwerere Streamer, starke Windtage
Wer wirklich flexibel sein will, braucht hier schnell mehr als nur eine Rute.
Lernkurve und typische Fehler, die ich oft sehe
Die Lernkurve ist ein Punkt, der oft unterschätzt wird – bei beiden Methoden.
Spinnfischen – scheinbar einfach, aber…
- Zu schwere oder zu leichte Ruten im Vergleich zur Gewässergrösse
- Monofile „Billigschnur“, die nach zwei Ausflügen verdrallt ist
- Keine Anpassung an Wassertrübung und Jahreszeit (immer derselbe Köder)
- Köderführung zu monoton – einfach einholen statt variieren
Wer diese Basics im Griff hat, fängt in der Regel sehr schnell. Ich sehe regelmässig, wie Einsteiger nach wenigen Tagen am See die ersten Egli oder Hechte überlisten.
Fliegenfischen – Technik entscheidet
- Fehlerhafte Wurftechnik (Handgelenk zu aktiv, falscher Rhythmus)
- Zu grobe Vorfächer oder falsche Längen
- Ignorieren der Insekten am Wasser – falsche Fliege zur falschen Zeit
- Mangelnde Driftkontrolle: die Fliege „zieht“ unnatürlich über die Oberfläche
Hier dauert es erfahrungsgemäss etwas länger, bis regelmässig Fische ans Band gehen. Aber wenn der Knoten platzt, ist das Gefühl kaum zu überbieten – vor allem, wenn du einen Fisch mit einer selbst gebundenen Nymphe fängst.
Typische Schweizer Szenarien: Was würde ich wählen?
Um es greifbarer zu machen, ein paar konkrete Situationen, in denen ich gefragt werde, welche Methode ich bevorzuge.
- „Ich wohne am Zürichsee und möchte hauptsächlich Egli und ab und zu Hecht fangen.“
Meine Empfehlung:- klar Spinnfischen
- feine Rute der 5–20 g Klasse für Egli
- eine etwas kräftigere Kombo für Hecht, falls nötig
Mit der Fliege kannst du Egli zwar auch fangen, aber vom Ufer aus bist du eingeschränkter, und Hecht mit der Fliege vom Ufer ist sehr situationsabhängig.
- „Ich gehe oft ins Berner Oberland in kleine Bergbäche – Forellen auf Sicht reizen mich.“
Hier ist das Fliegenfischen fast unschlagbar:- leichte Rute Klasse 3–4
- Trockene Rehhaar-Sedges, kleine Parachutes, einfache Nymphen
Mit Micro-Wobblern geht es zwar auch, aber du wirst deutlich mehr Fische verschrecken.
- „Ich habe nur 1–2 Tage im Monat Zeit, will flexibel sein und nicht ewig Technik üben.“
Spinnfischen macht dann mehr Sinn:- eine Allround-Rute, solide Rolle, überschaubare Köderbox
- du kannst vom Forellenbach bis zum See vieles ausprobieren
- „Ich bin schon Spinnfischer, will aber eine neue Herausforderung und fische oft an klaren Flüssen.“
Hier bietet das Fliegenfischen echte Erweiterung:- du lernst, Wasser anders zu „lesen“
- du wirst bei schwierigen Bedingungen öfter Fische überlisten, wo Spinnfischer aufgeben
Welche Rolle spielen Reglemente und Bewilligungen?
Ein oft vergessener Punkt in der Schweiz: Die kantonalen und lokalen Vorschriften.
- Manche Gewässer sind explizit als Fliegenstrecken ausgewiesen, an denen nur mit der Fliege gefischt werden darf.
- Andernorts ist Widerhakenlosigkeit Pflicht – das betrifft beide Methoden, aber Fliegen lassen sich oft leichter anpassen.
- Bestimmte Bäche sind so klein und sensibel, dass Betreiber ausdrücklich zum schonenden Fischen mit der Fliege raten.
Bevor du also Ausrüstung kaufst, lohnt sich ein Blick in:
- die Fischereireglemente deines Wohnkantons
- die Bestimmungen der jeweiligen Pachtvereine
- lokale Infos in Angelläden nahe deines Zielgewässers
Oft ergibt sich daraus schon ein klarer Hinweis, welche Methode langfristig sinnvoller ist.
Wie du praktisch herausfindest, was zu dir und deinen Gewässern passt
Wenn du noch unentschlossen bist, kannst du das Thema sehr pragmatisch angehen:
- Starte mit dem, was deinen Gewässern am meisten entspricht
Wohnst du am See? Spinnrute zuerst.
Hast du hauptsächlich Bäche und kleine Flüsse vor der Haustür? Fliege ernsthaft in Betracht ziehen. - Teste beide Methoden bewusst
Leihe dir Material von Freunden oder im Fachgeschäft.
Mache einen halben Tag Spinnfischen und einen halben Tag Fliege am selben Gewässer. Du wirst schnell merken, was dich mehr „packt“. - Nimm, wenn möglich, einen Kurs oder Guide
Vor allem beim Fliegenfischen sparst du dir Wochen an Frust, wenn dir jemand zu Beginn die Wurf- und Drills Basics zeigt. - Sei ehrlich zu deinem Zeitbudget
Wenn du nur selten ans Wasser kommst und keine Lust auf viel Üben hast, wird es das Spinnfischen leichter machen, dranzubleiben.
Am Ende musst du dich übrigens nicht endgültig entscheiden. Viele passionierte Schweizer Fischer – mich eingeschlossen – wechseln je nach Jahreszeit, Wasserstand und Laune zwischen Spinn- und Fliegenrute hin und her.
Mein Tipp: Richte deine erste Ausrüstung nach deinen Hauptgewässern aus, lerne eine Methode sauber, und ergänze später. So nutzt du die Stärken beider Welten optimal – und genau darum geht es am Ende.
