Fliegenfischen in den Schweizer Alpen hat etwas Ehrliches: klares Wasser, kurze Saisons, wechselhaftes Wetter – und Forellen, die genau merken, ob man seine Sache versteht. Wer bereit ist, ein paar Höhenmeter zu machen, wird dafür mit Gewässern belohnt, die zu den schönsten Europas gehören. In diesem Artikel stelle ich einige der attraktivsten Fliegenfischer-Reviere in den Schweizer Alpen vor – mit Fokus auf Praxis: Zugang, typische Bedingungen, passende Methoden und Ausrüstung.
Was ein gutes Fliegenfischer-Revier in den Alpen ausmacht
Bevor wir in konkrete Regionen einsteigen, lohnt sich ein kurzer Blick auf die Kriterien. Denn nicht jeder Bergbach ist automatisch ein Top-Revier für Fliegenfischer.
Aus meiner Sicht sind vor allem folgende Punkte entscheidend:
- Wasserqualität und Struktur: klares, sauerstoffreiches Wasser mit abwechslungsreicher Struktur (Rauschen, Pools, Gumpen, Rinnen).
- Fischbestand: stabile, möglichst natürliche Bestände von Bachforelle, Regenbogenforelle und in einigen Gewässern auch Saibling.
- Zugänglichkeit: erreichbar ohne Kletterausrüstung – aber gerne abseits der Massen.
- Regelung: klare Bestimmungen, sinnvolle Schonzeiten, Tageskarten ohne Bürokratie-Marathon.
- Fliegenpotential: Gewässer, in denen Trocken- und Nymphenfischen wirklich Sinn machen – also nicht nur trüber Schmelzwasser-Torrent.
All diese Punkte finden sich – in unterschiedlicher Ausprägung – in den folgenden Revieren wieder.
Engadin: Inn, Nebenflüsse und Bergseen
Das Oberengadin ist für Fliegenfischer so etwas wie ein natürlicher Spielplatz. Weite Hochtäler, gute Erreichbarkeit und sehr unterschiedliche Gewässertypen auf engem Raum.
Inn im Oberengadin
Zwischen Sils und Zernez zeigt der Inn viele Gesichter: breite Kiesbänke, enge Rinnen, tiefe Gumpen. Wer sich Zeit nimmt und Stück für Stück Strecke macht, findet immer wieder Hotspots.
Typisch für diesen Abschnitt:
- klare, kühle Wasserführung (Achtung: Schmelzwasser im Frühsommer)
- Bach- und Regenbogenforellen, teils sehr gut genährt
- beste Phasen häufig frühmorgens und abends, wenn der Wind nachlässt
Ich habe am Inn schon Abende erlebt, an denen das Wasser fast kochte – kleine Eintagsfliegen-Schwärme, steigende Fische alle paar Meter. Wer da mit der Trockenfliege sauber präsentiert, hat seine Hände schnell voll.
Nebenbäche: Flaz, Ova da Roseg & Co.
Die kleineren Seitengewässer im Engadin sind ideal für alle, die das feine Fischen mögen:
- enge, klare Bäche mit vielen Taschen und Mini-Pools
- vorsichtige, aber kampfstarke Bachforellen
- bestens geeignet für kurze Ruten (7–8 ft, #3–#4)
Hier zählt Präzision mehr als Weite. Ein sauber platzierter 6–8er Trockenfliegen-Muster in einer kleinen Rinne bringt oft mehr Fisch als 20 Meter Wurf im Hauptstrom.
Engadiner Bergseen
Im Engadin liegen zahlreiche Seen auf 1800–2600 m ü.M. mit Saiblingen und Forellen. Für Fliegenfischer interessant sind vor allem:
- ufernahe Zonen mit steil abfallendem Grund
- Einläufe und Ausläufe kleiner Bäche
- früher Morgen bei spiegelglatter Oberfläche – perfekte Trockenfliegen-Situationen
Praktischer Tipp: In höheren Lagen startet die Saison oft später. Selbst im Juli kann das Wasser noch sehr kalt sein. Dann lohnt sich die Nymphe deutlich mehr als die Trockenfliege.
Berner Oberland: Haslital, Grimselregion und Oberlauf der Aare
Das Berner Oberland bietet eine beeindruckende Kulisse – und Reviere, in denen man leicht vergisst, dass man „nur“ in der Schweiz ist und nicht in Skandinavien oder Kanada.
Oberlauf der Aare im Haslital
Oberhalb von Innertkirchen wird die Aare zum klassischen Alpenfluss mit hohem Gefälle, grossen Blöcken und tiefen Gumpen.
- kräftige Bachforellen, vereinzelt auch Regenbogenforellen
- Nymphen- und Streamerfischen besonders erfolgreich bei höherem Wasserstand
- Polbrille Pflicht – viele Standplätze sind nur zu erahnen
Ich erinnere mich an einen halben Tag im feinen Nieselregen: Kaum Leute draussen, Wasser leicht angetrübt, und jede tiefe Kante brachte Fischkontakt – aber nur mit beschwerten Nymphen direkt am Grund.
Grimsel-Region: Stauseen und Zuflüsse
Die Stauseen und Zuflüsse rund um den Grimselpass sind technischer als sie aussehen. Wind, wechselnde Wasserstände und raues Wetter sind eher die Regel als die Ausnahme.
Dafür gibt es hier:
- spannende Uferzonen mit Felsstrukturen
- tiefe Löcher an Einläufen, ideal für Sink-Tipps und Streamer
- Fische, die selten dumm sind – aber dafür meist gut im Futter
Bei starkem Wind lohnt sich oft ein Wechsel auf schwere Nymphen am langen Vorfach und das sogenannte „Polish Nymphing“ in Ufernähe – keine weiten Würfe, dafür Kontrolle über die Drift.
Wallis: Rhonequellen, Vispa und Hochtäler
Das Wallis ist trocken, sonnig und auf den ersten Blick nicht unbedingt als Fliegenfischer-Paradies bekannt. Wer genauer hinschaut, findet aber fantastische Reviere in abgelegenen Seitentälern.
Rhonequellen-Gebiet
Zwischen Gletsch und Oberwald fliesst die junge Rhone durch ein breites Tal mit abwechslungsreicher Struktur:
- wechselnde Kiesbänke und tiefe Rinnen
- klarer, kalter Fluss mit starker Strömung
- Bachforellen, in manchen Abschnitten auch Regenbogenforellen
Hier ist eine stabile Wathose ebenso wichtig wie eine gewisse Demut vor der Strömung. Waten nur dort, wo man sich wirklich sicher fühlt – die Rhone verzeiht keine Leichtsinnsfehler.
Vispa und Seitentäler (Mattertal, Saastal)
Die Vispa und ihre Zuflüsse sind klassische Bergbäche, die besonders im Spätsommer und Herbst interessant werden, wenn der Schmelzwasser-Einfluss nachlässt.
- enge, tiefe Rinnen – ideal für kurze, präzise Würfe
- viele kleine bis mittlere Bachforellen
- trockene, klare Tage mit wenig Wasserstand sind ideal für die Trockenfliege
Wer hier mit einer feinen 3er-Rute, 0.12–0.14er Vorfach und kleiner Adams unterwegs ist, erlebt oft aktives Fischen mit zahlreichen Bissen. Die Fische sind selten gross – aber wild und wunderschön gezeichnet.
Graubünden: Alpenrhein, Hinterrhein, Landwasser & Co.
Graubünden ist gross, vielfältig und fischereilich sehr unterschiedlich geregelt. Für Fliegenfischer sind insbesondere die mittleren und oberen Abschnitte der grossen Flüsse spannend.
Hinterrhein und Oberalpenrhein
Beide Flüsse bieten sehr abwechslungsreiche Abschnitte mit gut erreichbaren Ufern.
- breitere Rauschen mit kiesigem Grund
- Drop-offs und Gumpen an Prallufern
- guter Insektenaufkommen, besonders im späteren Frühjahr und Sommer
Mit einer 9 ft #4–#5 Rute, schwimmender Schnur und einer Box voll Nymphen (Pheasant Tail, Hare’s Ear, Köcherfliegen-Imitationen) ist man hier gut ausgerüstet. Wer das moderne Nymphenfischen mit langer Vorfachspitze beherrscht, kann diese Flüsse sehr effizient „lesen“.
Landwasser und Seitentäler
Rund um Davos und im Landwassertal finden sich zahlreiche Bäche und kleinere Flüsse, die ideal für eine Kombination aus Wanderung und Fliegenfischen sind.
- kühle, schattige Strecken mit Waldpassagen
- wechselndes Gefälle, kleine Wasserfälle, Gumpen
- forellenreiche Bachstrecken mit eher kleineren Fischen
Spannend sind hier vor allem die Übergangsphasen: Früher Sommer, wenn das Schmelzwasser langsam zurückgeht, und der Frühherbst, wenn die Tage kürzer werden und die Fische noch einmal richtig aktiv fressen.
Zentralschweiz: Reuss-Oberlauf und alpines Kleinwasser
Wer nicht bis an den Rand der Schweiz fahren möchte, findet auch in der Zentralschweiz einige sehr interessante Reviere. Besonders der Oberlauf der Reuss und gewisse Bergbäche haben es in sich.
Urner Reuss und Oberlauf
Die Reuss im Kanton Uri bietet in ihren oberen Abschnitten eine Mischung aus schnell fliessendem Wildbach und ruhigeren Zügen.
- schroffe Ufer mit grossen Felsblöcken
- wechselnde Wassertiefen – von knöcheltief bis hüfttief
- guter Bestand an Bachforellen, teils sehr kampfstark
Hier funktioniert ein klassischer Ansatz: Vormittags und bei höherem Wasserstand mit Nymphen und kleinen Streamern tief fischen, abends bei schwindendem Licht auf Trockenfliege umstellen.
Kleine Bergbäche an Susten, Gotthard & Co.
An den grossen Alpenpässen der Zentralschweiz verlaufen zahlreiche kleine Bäche, die zwar auf der Karte unscheinbar wirken, fischereilich aber viel Spass machen.
- kurze Spots mit Pool-Hop-Charakter
- Fische oft in den ersten zwei Wurfweiten erreichbar
- perfekte Trainingsgewässer für Präsentation und Tarnung
Wer hier mit polariserter Brille, dunkler Kleidung und etwas Geduld ans Wasser geht, lernt viel über Standplätze und Fischverhalten – Lektionen, die sich später an grösseren Flüssen auszahlen.
Ausrüstung und Taktik für alpine Fliegenfischer-Reviere
Die Frage, welche Ausrüstung man in den Alpen braucht, höre ich regelmässig. Man kann es unnötig kompliziert machen – muss man aber nicht.
Ruten und Schnüre
- Flüsse und grössere Bäche: 9 ft, Klasse #4 oder #5, schwimmende WF-Schnur.
- kleine Bergbäche: 7–8 ft, Klasse #3 oder #4, vorzugsweise mit feiner Spitze für kurze Distanzen.
- Bergseen: 9 ft, Klasse #5 oder #6, schwimmende und optional eine langsam sinkende Schnur.
Vorfach und Fliegen
- Vorfachspitze meist zwischen 0.12 und 0.18 mm, je nach Gewässer und Scheuchwirkung.
- universelle Trockenmuster: Adams, Elk Hair Caddis, CDC-Mücke in Grössen 12–18.
- Nymphen-Basisbox: Pheasant Tail, Hare’s Ear, kleine Tungsten-Nymphen, ggf. mit Hotspot.
- ein paar kleine Woolly Bugger oder ähnliche Streamer in Naturfarben.
Taktik
- immer stromauf fischen, um im toten Winkel der Fische zu bleiben.
- erst die nahen Kanten abfischen, bevor man weit in den Fluss wirft.
- Drift kontrollieren – eine natürlich driftende Fliege fängt, eine gezogene weniger.
Regeln, Sicherheit und Ethik im alpinen Gelände
So romantisch es klingt: Die Alpen sind kein Freizeitpark. Wer hier fischt, trägt Verantwortung – für sich selbst und für das Gewässer.
Regelungen und Lizenzen
- in jedem Kanton gelten unterschiedliche Bestimmungen (Schonmasse, Fangzahlen, Schonzeiten).
- Tageskarten gibt es oft bei lokalen Tourismusbüros, Gemeinden oder online.
- in gewissen Bergseen und Bächen gilt reines Fliegenfischen oder Haken ohne Widerhaken – sorgfältig prüfen.
Sicherheit
- Wasserstände können durch Schmelzwasser und Kraftwerks-Abflüsse rasch ansteigen.
- Wetterumschwünge sind in den Alpen normal – Regenjacke und warme Schicht gehören immer in den Rucksack.
- gutes Schuhwerk und ein stabiler Wathosen-Gurt sind kein Luxus, sondern Standard.
Umgang mit dem Fischbestand
- wo möglich, Masse entnehmen statt Maximale – kleinere Fische sind in der Küche oft besser.
- bei Catch & Release Fische nur kurz und mit nassen Händen anfassen, Haken zügig lösen.
- Laichplätze (flache Kiesbereiche im Herbst/Frühjahr) konsequent meiden.
Wer alpine Reviere respektvoll behandelt, sorgt dafür, dass sie auch in zehn oder zwanzig Jahren noch so fischreich und attraktiv sind wie heute.
Ob Engadin, Wallis, Berner Oberland oder Graubünden: Die schönsten Fliegenfischer-Reviere in den Schweizer Alpen sind nicht immer die, die im Reiseführer stehen. Oft lohnt sich ein Blick auf die Karte, ein Gespräch mit der lokalen Fischereiaufsicht – und die Bereitschaft, auch mal einen zusätzlichen Kilometer zu Fuss zurückzulegen. Die Belohnung wartet dann meist hinter der nächsten Biegung: ein klarer Gumpen, ein steigender Fisch – und der Moment, in dem die Trockenfliege leise verschwindet.
