Nachhaltiges fischen in der schweiz: so angelst du umweltbewusst und schonst die gewässer

Nachhaltiges fischen in der schweiz: so angelst du umweltbewusst und schonst die gewässer

Warum nachhaltiges Fischen in der Schweiz mehr ist als ein Trend

Nachhaltigkeit ist in aller Munde – aber was heisst das konkret für uns Anglerinnen und Angler in der Schweiz? Reicht es, die Fanglimiten einzuhalten und den Schein zu lösen? Aus meiner Sicht: klar nein. Wer regelmässig an Schweizer Gewässern unterwegs ist, sieht die Veränderungen deutlich: wärmeres Wasser, weniger Wasser in den Bächen, invasive Arten, mehr Druck auf einzelne Hotspots.

Nachhaltiges Fischen heisst, dass wir so angeln, dass Fischbestände, Gewässerökosysteme und Ufer langfristig gesund bleiben – und dass wir unseren Teil dazu beitragen. Das hat mit Gesetz zu tun, aber auch mit Einstellung, Verhalten am Wasser und mit der Wahl der Ausrüstung. In diesem Beitrag zeige ich dir praxisnah, wie du in der Schweiz umweltbewusst angelst, ohne auf Fisch und Spass zu verzichten.

Gesetze kennen ist Pflicht – nachhaltig fischen geht darüber hinaus

Die rechtlichen Grundlagen sind der erste Schritt. Wer nachhaltig fischen will, muss sie nicht nur kennen, sondern auch verstehen, warum sie existieren. In der Schweiz gelten je nach Kanton unterschiedliche Bestimmungen, aber ein paar Punkte ziehen sich durch:

  • Schonzeiten und Schonmass für Fischarten
  • Fanglimiten pro Tag (Stückzahl und teils auch Kilo-Limiten)
  • Haken- und Ködervorschriften (z.B. Widerhaken, Kunstköder, Naturköder)
  • Fangbuchführung und Meldepflichten
  • Bewilligungen (Tageskarten, Jahreskarten, SaNa-Pflicht)

Nachhaltig fischen bedeutet: Du siehst diese Regeln nicht als „notwendiges Übel“, sondern als sinnvollen Rahmen, der die Fischbestände schützt. Wer nur fragt „Was ist gerade noch erlaubt?“, denkt zu kurz. Die bessere Frage ist: „Was ist sinnvoll für dieses Gewässer – heute und in Zukunft?“

Ein Beispiel: In einem heissen Sommer mit tiefem Wasserstand kann es gesetzlich erlaubt sein, Forellen zu fangen. Ökologisch ist es aber fragwürdig. Hier entscheidet die persönliche Verantwortung – und die ist für nachhaltiges Fischen zentral.

C&R in der Schweiz: Wann schonend, wann problematisch?

Catch & Release (C&R) ist ein Dauerthema. In der Schweiz ist das gezielte Zurücksetzen ohne Verwertungsabsicht rechtlich heikel. Trotzdem gehört selektives und schonendes Zurücksetzen in vielen Situationen zu einer nachhaltigen Fischerei – vor allem dort, wo:

  • der Bestand auf natürliche Reproduktion angewiesen ist
  • grosse, alte Laichtiere eine wichtige Rolle spielen
  • das Gewässer sensibel und stark befischt ist

Entscheidend ist, WIE du C&R praktizierst:

  • Nur fischen, wenn die Wassertemperatur es zulässt (z.B. keine Salmonidenfischerei bei deutlich über 18 °C)
  • Barangeln vermeiden, lieber aktiv mit Spinnrute oder Fliege fischen
  • Einzelhaken ohne Widerhaken einsetzen, wo erlaubt
  • Drillzeit kurz halten, Fisch nicht auspowern
  • Fisch im Wasser abhaken, nur kurz anheben, wenn wirklich nötig
  • Kein „Fotoshooting“, lieber ein schnelles, nasses Foto über dem Wasser

Nachhaltiges Fischen heisst hier: gezielt Fische entnehmen, die sinnvoll verwertet werden, und Fische schonend zurücksetzen, die für Bestand und Genpool wichtig sind – im Rahmen der kantonalen Vorschriften.

Respektvoller Umgang mit dem Fang: Vom Haken bis auf den Teller

Wer nachhaltig fischt, geht auch respektvoll mit dem gefangenen Fisch um. Das beginnt beim Anschlag und endet in der Küche. Jeder Fisch, der waidgerecht getötet und komplett verwertet wird, ist sinnvoller als ein „Beifang“, der im Drill verendet.

Worauf es ankommt:

  • Schnelles Betäuben und Töten: Kein Herumprobieren, sondern sichere, eingeübte Griffe (Kopfschlag, Ausbluten gemäss SaNa-Empfehlungen).
  • Transport: Kühl und sauber, nicht stundenlang in der Sonne oder im warmen Rucksack liegen lassen.
  • Verwertung: Filets, Backen, teilweise Haut und Gräten für Fond – je mehr du verwendest, desto respektvoller ist der Fang.
  • Realistische Fangziele: Lieber weniger fangen und alles essen, als „Limite um jeden Preis“.

Meine Faustregel: Ich überlege mir VOR dem Angeltag, wie viele Fische ich überhaupt sinnvoll verwerten kann. Wenn ich diese Zahl erreicht habe, höre ich mit der Entnahme auf – auch wenn die Gesetzeslimite höher wäre.

Die richtige Ausrüstung für schonende Fischerei

Ausrüstung kann einen direkten Einfluss auf die Überlebenschance von zurückgesetzten Fischen und auf die Belastung des Gewässers haben. Ein paar gezielte Anpassungen bringen viel:

Hakenwahl

  • Einzelhaken statt Drillinge, wo sinnvoll (z.B. bei Spinnködern für Forellen oder Hechte)
  • Widerhaken andrücken oder gleich barbless-Haken verwenden (besseres Lösen, weniger Verletzungen)
  • Passende Hakengrösse, keine „Mikrohaken“, die tief geschluckt werden

Schnur und Vorfach

  • Keine unterdimensionierten Schnüre, nur um „mehr Biss“ zu bekommen – ein zu langes Ausdrillen schwächt den Fisch massiv
  • Bei Hindernissen (Holz, Steine, Kraut) lieber etwas stärker fischen, um Hänger und abgerissene Montagen zu reduzieren
  • Alte Schnur regelmässig entsorgen – aber nie am Ufer, sondern zuhause im Abfall

Kescher und Handling

  • Gummierter Kescher statt Knoten-Netz – schont Schleimschicht und Flossen
  • Fisch im Wasser keschern und versorgen, nicht über Steine oder Kies ziehen
  • Hände anfeuchten, bevor du den Fisch berührst

Ein praxisnaher Tipp: Rüste deine Lieblings-Spinnköder mit Einzelhaken aus. Die Bissausbeute ist kaum schlechter, das Landungsverhältnis bleibt gut – und das Abhaken geht schneller und fischschonender.

Köderwahl: Natürlich, lokal und möglichst schadstoffarm

Auch bei der Köderwahl kannst du nachhaltige Entscheidungen treffen. Muss es immer die vollplastifizierte Gummikiste aus dem Internet sein? Nicht unbedingt.

  • Natürliche Köder aus dem Gewässer selbst (wo erlaubt): z.B. Köcherfliegenlarven, Würmer aus feuchter Ufererde, Kleinfischchen. Keine eingeführten Arten aus anderen Biotopen einsetzen.
  • Kunstköder mit langlebiger Qualität: Lieber weniger, dafür hochwertige Gummis, die nicht nach drei Bissen auseinanderfallen.
  • Bleifrei, wo möglich: Viele Hersteller bieten heute Zinn-, Wolfram- oder Stahl-Alternativen an. Besonders bei vielen Hängern im Bach oder See ein Thema.
  • Keine Köder im Wasser entsorgen: Abgebissene Gummis gehören in die Box und später in den Abfall, nicht ins Wasser oder ans Ufer.

In kleinen Bergbächen oder sensiblen Forellenrevieren fische ich z.B. gerne mit unbeschwerten, kleinen Naturködern oder leichten Kunstfliegen statt mit schweren Bleimontagen. Das reduziert nicht nur die Belastung, sondern schont auch den Gewässergrund.

Verhalten am Wasser: Unsichtbare Spuren sind die besten

Nachhaltigkeit heisst auch: Du hinterlässt das Gewässer so, dass niemand erkennen kann, dass du da warst – ausser vielleicht an ein paar Fussabdrücken. Das ist einfacher gesagt als getan, vor allem an populären Spots.

  • Müll mitnehmen – auch fremden: Leine dir an, pro Angeltag mindestens ein Stück Plastik oder alte Schnur mitzunehmen, das nicht von dir stammt.
  • Ufervegetation schonen: Kein rücksichtsloses Durchbrechen von Schilf oder Weiden, keine „neuen Wege“ durch sensible Zonen anlegen.
  • Lärm vermeiden: Nicht nur Fische reagieren sensibel, auch Wasservögel und andere Tiere.
  • Feuer nur, wo erlaubt – und mit Verstand: Kein Lagerfeuer direkt am Ufer, keine Glut vergraben, keinen Müll verbrennen.
  • Parkieren mit Hirn: Keine Feldwege blockieren, keine Wiesen befahren, nur offizielle Parkplätze nutzen.

Wer viel unterwegs ist, kennt den Unterschied: Ufer, an denen Angler rücksichtsvoll unterwegs sind, sehen auch nach Jahren noch natürlich aus. Übernutzte Stellen mit Trampelpfaden, Feuerstellen und Plastik verraten, dass hier die Balance nicht mehr stimmt.

Gewässerdruck reduzieren: Nicht immer zum gleichen Hotspot

Ein Aspekt, der oft vergessen geht: Nachhaltig ist auch, wie wir den Befischungsdruck verteilen. Jeden Samstag an derselben Poolkante zu stehen, bringt vielleicht kurzfristig Fische, langfristig aber Stress für Bestand und Ökosystem.

Was du konkret tun kannst:

  • Verschiedene Gewässer abwechseln: Bergbach, Mittellandfluss, See – die Schweiz bietet Vielfalt.
  • Nicht jeden Fischestand „leerräumen“, nur weil die Fische gerade gut beissen.
  • Gezielt Gewässer mit gutem Bewirtschaftungskonzept wählen (z.B. Renaturierungen, Laichschutzzonen, Aufstiegshilfen).
  • Wenn möglich, kurze Wege bevorzugen: Der CO₂-Fussabdruck der Anreise ist oft grösser als alles andere an einem Angeltag.

Ich plane inzwischen viele Touren so, dass ich mehrere kleinere Gewässer in einer Region über das Jahr verteilt befische, statt ein oder zwei „Geheimtipps“ permanent zu belasten. Der Nebeneffekt: Man lernt deutlich mehr dazu.

Fischerei und Naturschutz: Kein Widerspruch

Angler werden von aussen manchmal als „Störenfriede“ wahrgenommen. Fakt ist: Gut informierte Fischer sind oft die ersten, die Verschmutzungen, Fischsterben oder illegale Eingriffe an Gewässern bemerken.

So kannst du aktiv zum Schutz beitragen:

  • Auffälligkeiten melden: Ölfilm, tote Fische, Einleitungen oder illegale Bauten sofort dem Kanton oder der Fischereiaufsicht melden.
  • Verein beitreten: Viele lokale Fischereivereine engagieren sich in Renaturierungsprojekten, Laichplatzpflege oder Jungfisch-Besatzprogrammen.
  • Mithelfen statt nur kritisieren: Freiwillige Arbeitseinsätze (Uferpflege, Müllsammelaktionen, Gewässerstrukturen verbessern) bringen mehr als jeder Kommentar im Internet.
  • Andere Angler ansprechen: Ruhig und sachlich, wenn du offensichtliche Regelverstösse oder respektloses Verhalten siehst.

Nachhaltig fischen heisst auch, Verantwortung über die eigene Angelstelle hinaus zu übernehmen. Die besten Gewässer der Zukunft sind diejenigen, um die sich heute jemand kümmert.

Nachhaltige Unterkünfte und Angeltrips in der Schweiz

Wer für mehrere Tage oder eine Woche zum Angeln unterwegs ist, kann Nachhaltigkeit bereits bei der Planung berücksichtigen. Es muss nicht immer der Flug ans Meer sein – oft liegt ein Top-Revier mit guten Übernachtungsmöglichkeiten in Reichweite der Bahn oder mit kurzer Autofahrt.

  • Regionale Trips planen: Lieber drei kurze Angelwochenenden in der Schweiz als einen langen Flugtrip im Ausland.
  • Unterkünfte wählen, die Anglerfreundlichkeit mit Umweltbewusstsein verbinden: z.B. Häuser mit guter ÖV-Anbindung, Mülltrennung, sparsamer Energie- und Wassernutzung.
  • Vor Ort lokale Produkte kaufen: Wer seine Fische mit regionalen Beilagen isst, unterstützt die Region und reduziert Transportwege.
  • Angelreise ausserhalb der Hochsaison: Entlastet stark befischte Ferienregionen und ist oft erholsamer.

Viele Betriebe an Seen und Flüssen passen sich bereits an: Sie bieten abschliessbare Räume für Angelgerät, Tiefkühlmöglichkeiten für den Fang und geben Tipps zu lokalen Bestimmungen und Revieren. Wer offen nach nachhaltigen Optionen fragt, verstärkt diesen Trend.

Praxis-Check: So nachhaltig ist dein nächster Angeltag

Zum Abschluss ein kurzer Selbsttest für deinen nächsten Trip. Wenn du die meisten Punkte mit „Ja“ beantworten kannst, bist du gut unterwegs:

  • Ich kenne die aktuellen Bestimmungen (Schonzeiten, Masse, Limiten) des Gewässers.
  • Ich habe meine Ausrüstung so angepasst, dass Fische möglichst schonend gehakt und gelöst werden.
  • Ich habe eine klare Vorstellung, wie viele Fische ich heute maximal entnehmen und verwerten will.
  • Ich bin bereit, bei hohen Wassertemperaturen oder schlechten Bedingungen auf bestimmte Fischarten zu verzichten.
  • Ich nehme meinen Müll und – wenn möglich – zusätzlichen Fremdmüll wieder mit.
  • Ich bewege mich so, dass Ufer, Vegetation und andere Nutzer möglichst wenig gestört werden.
  • Ich bin bereit, einen Hotspot auch mal zu „schonen“ und alternative Gewässer auszuprobieren.

Nachhaltiges Fischen in der Schweiz ist kein Verzichtsprogramm, sondern eine Haltungsfrage. Wer bewusst angelt, fängt nicht weniger – aber er fischt mit besserem Gefühl und mehr Respekt vor Fisch und Gewässer. Und genau das entscheidet, ob unsere Kinder und Enkel die gleichen Angelgeschichten schreiben können wie wir heute.